Istanbul. - Obwohl Homosexualität in der Türkei weder verboten noch strafbewehrt ist, werden Schwule und Lesben dort tagtäglich diskriminiert. Aus Angst vor Übergriffen führen viele ein Doppelleben, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet.
Von Jürgen Gottschlich
Emre erinnert sich mit Schrecken an diese Silvesternacht vor zehn Jahren. Der Student hatte in einer Schwulenbar gefeiert und schlenderte am Morgen zu Fuß nach Hause. Plötzlich hielt ein Auto neben ihm. Der gut gekleidete Mann am Steuer, bot ihm an, ihn mitzunehmen. Emre stimmte zu, doch als er vor seinem Haus ankam und aussteigen wollte, beschimpfte ihn der Mann als Schwulen und zog einen Polizeiausweis aus der Tasche. Er drohte, Emre wegen illegaler Prostitution zur Wache zu bringen und ihn seinen Kollegen zum “Silvestergeschenk” zu machen. Falls er das nicht wolle, müsse er zahlen. Emre rief einen Freund an. “Wir waren völlig verängstigt”, erinnert der sich. “Wir gaben ihm schließlich alles, was wir hatten”.
“Wie Freiwild”
Emre steckt das Erlebnis heute noch in den Knochen: “Ich fühlte mich total verunsichert und hilflos. Wie Freiwild. Die Polizei wusste genau, wie sie uns erpressen konnte und nutzte unsere Hilflosigkeit gnadenlos aus.” Bis heute macht Emre, wenn es geht, einen großen Bogen um jeden Polizisten.
Seine Geschichte hat Emre einem Besucher der US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erzählt, die jetzt erstmals einen umfassenden Report über die Situation von Schwulen, Lesben und Transvestiten in der Türkei vorgelegt haben. Basis des Berichts sind knapp 100 Interviews, geführt 2003 und 2007. Das Ergebnis liest sich düster, auch wenn es einige “positive Signale” gebe, wie Juliana Cano Nieto von Human Rights Watch bei der Vorstellung des Berichts sagte.
Rechtlich gibt es kein Problem: Homosexualität ist und war in der türkischen Republik nie verboten. Theoretisch gilt per Verfassung zudem das Verbot der Diskriminierung. Doch die Realität sieht anders aus: Schwule Männer, lesbische Frauen, Transvestiten und Transsexuelle sehen sich in der Türkei vielfältiger Diskriminierung und sozialer Ächtung ausgesetzt.
Der Mediziner Sevgi Sözen, früher Berater des türkischen Justizministeriums, berichtete aus einer nicht veröffentlichten Umfrage des Ministerium, 37 Prozent der befragten Schwulen und Lesben hätten von physischer Gewalt gegen sie berichtet, bei Transvestiten und Transsexuellen seinen es 89 Prozent gewesen.
Zwang zum Doppelleben
Die gesellschaftliche Ächtung führt in der Regel dazu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Präferenz geheim halten und gegenüber ihrer Familie und ihrem Arbeitgeber ein Doppelleben führen. Schon deshalb werden sie zu leichten Opfern von Erpressungen und zum Ziel von Kriminellen, die sich sicher fühlen, weil ihre Opfer sich im Allgemeinen nicht trauen, Anzeige zu erstatten. Dazu kommen ideologisch motivierte Angriffe von islamischen Fundamentalisten und rechtsradikalen Neofaschisten.
Vor allem schwule Männer berichten gegenüber Human Rights Watch, dass organisierte Banden die von Homosexuellen bevorzugten Treffpunkte observierten, um Schwule anschliessend zu terrorisieren und auszurauben.
Royan und Kenan, die beide bereits Opfer von Überfällen wurden, berichteten gegenüber Human Rights Watch von Fundamentalisten, “die glauben, Homosexuelle zusammenzuschlagen, sei eine gottgefällige Tat”, von Jugendlichen aus den Vorstädten “die in nationalistischen Organisationen eingetrichtert bekommen haben, Schwule seien reich und dekadent. Raub sie aus, und wenn sie sich wehren, töte sie!”
Treffen mit “Perversen”
In den Großstädten Istanbul und Ankara gibt es inzwischen allerdings auch eine zarte gegenläufige Entwicklung. In beiden Städten haben sich schwul-lesbische Vereine gegründet, bei einer Schwulen-Parade in der Multi-Millionenstadt Istanbul trauten sich 2007 immerhin 1000 Menschen mitzumachen.
Im Show-Business werden Schwule, Transvestiten oder Transsexuelle in der Türkei dagegen schon länger akzeptiert oder sogar geradezu angehimmelt. Schwulen und Lesben gerade auf dem konservativ-religiös geprägten Land hilft das allerdings wenig.
Scott Long von Human Rights Watch berichtet, der Menschenrechtsausschuss des türkischen Parlaments habe keinerlei Interesse gezeigt, sich mit der Organisation über die Rechte von Homosexuellen auseinanderzusetzen.
Ein Mitglied des Ausschusses, der Abgeordnete Zafer Üskül der islamisch-religiösen Regierungspartei AKP nahm kürzlich an einen Homosexuellen Kongress in Ankara teil. Im Anschluss musste er sich in der islamistischen Zeitung “Vakit” vorhalten lassen, er hätte sich mit “Perversen” zusammengesetzt.
