Tel Aviv. – Gut vier Monate nach dem blutigen Anschlag auf das schwul-lesbische Zentrum in Tel Aviv mit zwei Toten und 13 Verletzten hat die Polizei den Täter immer noch nicht gefasst. Statt dessen hat ein bei dem Anschlag Anfang August verletzter Jugendlicher Klage gegen das Gay-Zentrum eingereicht und fordert vier Millionen US-Dollar. Ein anderer, der bei dem blutigen Attentat geoutet wurde, traut sich bis heute nicht nach Hause.
Der 15 Jahre alte Yonatan Buks war bei dem Anschlag in der israelischen Grosstadt schwer verletzt worden. Als der maskierte Mann vor dem Gay-Zentrum der schwul-lesbischen Organisation Agudah in Tel Aviv in der Nacht zum 2. August mit einer Schnellfeuerwaffe um sich schoss, wurde er getroffen und erlitt innere Verletzungen. Wie das Nachrichtenportal “Ynetnews” am Samstag berichtet, ist er nach wie vor nicht gesund, sitzt im Rollstuhl und hat Schwierigkeiten zu sprechen. Die Klage sei in Tel Aviv eingereicht worden, schreibt das Gay-Magazin “querty.com“.
“Die Tür zu zu machen”
Der Anwalt des Jugendlichen, Eitan Peleg, sagte, er wolle dem Gay-Zentrum keine bösen Absichten unterstellen, dennoch müsse es seiner Verantwortung gerecht werden. Die Politik der “offenen Tür” habe es mit sich gebracht, dass es dort beispielsweise keine Überwachungskameras oder Alarmmelder gegeben habe. Der gewalttätigen Homophobie seien so alle ausgesetzt gewesen. Ein Weg wäre gewesen, “die Tür zu zu machen”.
Der Manager des Zentrums, Shaul Gannon, der für seinen Einsatz für Schwule und Lesben demnächst von der Stadt mit einem Preis für ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet wird, sagte, er gehe davon aus, dass vor allem die Familie von Yonatan hinter der Klage stehe. “Der Junge ist vom Staat verlassen worden und braucht das Geld.” Insofern verstehe er die Familie. Die Agudah selbst, die immer noch dabei ist, die Spuren der Schiesserei zu beseitigen, habe das geforderte Geld nicht. Die Mitglieder der Organisation sind damit beschäftigt, die Einschusslöcher in den Wänden notdürftig mit Klebeband zu flicken.
“Schade, dass Du nicht unter den Toten bist”
Unterdessen traut sich ein anderes Opfer, das bei dem Anschlag verletzt und geoutet wurde, nach wie vor nicht nach Hause, wie die israelische Zeitung “Ha’aretz” schreibt. Als der 20 Jahre alte Jugendliche seinen Vater aus dem Krankenhaus angerufen und ihm erzählt habe, dass er von einem Schuss an der Hand verletzt sei, habe der ihm schroff geantwortet, er wisse davon, schliesslich schaue er ja Fernsehen. Im Übrigen habe er seinem Sohn schon vor solchen Orten gewarnt: “Du bist ein Perverser, jetzt leide in Stille. Schade, dass Du nicht unter den Toten bist”, habe der Vater noch hinzugefügt.
Der junge Mann lebt nach wie vor bei einer Frau, die er im Krankenhaus kennengelernt hat und die sich bei ihm aufgenommen hat. Seine Mutter, schrieb er der Zeitung, habe nichts dagegen, dass er schwul sei. Zu seinem Vater fiel ihm nur ein Wort ein: “Repression”.
Insel in tendenziell homophober Gesellschaft
Die israelische Gesellschaft ist tendenziell eher homophob als homo-freundlich. Eine Ausnahme bildet die Stadt Tel Aviv, wo offen schwul-lesbisches Leben im Gegensatz etwa zu Jerusalem fast wie in Westeuropa möglich ist. Die Organisation Agudah bietet mit ihrem offenen Haus auch eine Anlaufstelle für schwule Plästinenser. Viele von ihnen flüchten nach Israel, weil sie in den Autonomiegebieten der Verfolgung und staatlicher Repression ausgesetzt sind. (wfr)
Der britische Independent kürzlich zum Anschlag:
“Tel Aviv: Why did a lone gunman shoot 13 people in cold blood in one of the world’s gay capitals?”
