bern/berlin. - das klingt nach einer sensation: sex mit hiv-positiven ist auch ohne gummi okay und das auch noch mit dem segen des gesundheitsministeriums. und eben weil das so nach sensation klang, was die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit da an wissenschaftlichen Erkenntnissen Anfang februar in der schweizerischen Ärztezeitung preisgab, dauerte es auch nicht lange, bis sich harscher Widerstand gegen solcherlei veröffentlichung regte. Schnell war von einem tabubruch in sachen aids-prävention die rede. vielleicht auch zu recht.
vermeintlich gute nachrichten wie diese werden schliesslich leicht falsch verstanden, wenn man sie nur überfliegt und das kann gefährlich werden. Das Robert-Koch-Institut in Berlin fürchtet angesichts der schweizer veröffentlichung bereits um eine konsequente aids-prävention: denn Für die allermeisten menschen, das entgeht dem aufmerksamen leser der schweizer veröffentlichung nicht, gelten die jetzt bekannt gegebenen erkenntnisse nicht. (download kurzfassung und langfassung)
Die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen hatte unter berufung auf forschungsergebnisse erklärt, ein hiv-positiver mit funktionierender retroviraler Therapie gebe das hi-virus beim sex nicht weiter. HIV-Infizierte könnten daher unter gewissen Umständen auf Kondome verzichten: wenn sie ihre antiretroviralen Medikamente korrekt einnehmen, bei ihnen seit sechs Monaten keine Aids-Viren mehr im Blut feststellbar waren, sie unter keiner anderen Geschlechtskrankheit leiden und in einer festen partnerschaft leben.
im normalfall lieber safer sex
Dann könnten sie zusammen mit ihrem hiv-negativen partner die verantwortliche Entscheidung treffen, beim Sex auf Kondome zu verzichten. Für alle andern menschen empfiehlt die kommission speziell auch bei neuen Sexualkontakten nach wie vor die Safer Sex-Regeln.
In Deutschland lasse sich diese frohe Botschaft Schätzungen zufolge auf weniger als 3.000 HIV-Infizierte anwenden, schreibt der berliner tagesspiegel. in der Schweiz dürfte nur eine dreistellige Zahl betroffen sein.
lieber nichts drauf ankommen lassen
Die meisten Neuinfektionen entstehen schließlich auch nicht in treuen festen Partnerschaften. In Deutschland wie der Schweiz infizieren sich nach wie vor in den meisten Fällen schwule Männer bei flüchtigen Bekanntschaften, anonymem und schnellem sex. In solchen Situationen sollte sich allerdings niemand darauf verlassen, dass es stimmt, wenn der - weitgehend unbekannte - partner über seinen hiv-staus, seine Therapie oder seine Blutwerte berichtet. allein der wunsch nach sex ohne gummi bei einem schnellen treffen kann oft schon ein hinweis darauf sein, dass er ansonsten womöglich auch unnötige risiken eingeht.
“Es ist sicherlich richtig, dass die Therapie in den letzten Jahren immer besser wurde, und dass die Infektiosität HIV-Infizierter deutlich gesunken ist”, sagte der HIV-Experte Osamah Hamouda vom Robert-Koch-Institut dem Tagesspiegel. Angesichts steigender Infektionen könne von der Erlaubnis zum ungeschützten Geschlechtsverkehr aber ein falsches Signal ausgehen – auch wenn sie differenziert formuliert sei. “Fachlich sehe ich in dem Papier nichts Falsches, doch die Einschränkungen, unter denen die Empfehlung steht, könnten auf dem Weg zum Endverbraucher verloren gehen.”
experte: einen beweis gibt es nicht
die öffentliche Bekanntgabe der vermeintlichen Nichtinfektiosität HIV-Infizierter halte er für falsch, sagte er der frankfurter allgemeinen zeitung (FAZ). Tatsächlich kämen zwar alle bisher veröffentlichten Studien zu dem Ergebnis, dass eine Übertragung des Erregers nicht mehr nachzuweisen sei, sobald die Menge an Viren unter der Nachweisgrenze liegt. Aber ein Beweis sei das strenggenommen nicht.
Die Aussage, weltweit sei noch kein einziger Fall einer Übertragung bei nicht nachweisbarer Viruslast beschrieben, sei jedoch „extrem problematisch“, so die faz weiter. Hamouda wolle zumindest einen Fall kennen, in dem sich ein Mann bei einem infizierten Partner angesteckt habe, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze gelegen hatte. Demnächst solle dies auch publiziert werden, schreibt die faz.
neue präventionskampagne in der schweiz
pikant an der schweizer veröffentlichung: gerade hat die schweizer aids-hilfe mit unterstützung des bundesamtes für gesundheit die kampagne “mission possible” gestartet, die vor allem über die risiken der so genannten primo-infektion informiert. bis zum 1. mai vermittelt die aktion im internet und in der szene Infos zu dieser ersten Phase einer HIV-Infektion. In dieser Zeit ist man besonders ansteckend. Gleichzeitig weiss man aber oft noch nicht, dass man sich überhaupt mit den virus angesteckt hat. Immerhin gibt ein test erst rund drei monate nach einer infektion aufschluss über die ansteckung.
ehrgeiziges ziel der Aktion ist, neue Primoinfektionen dadurch zu verhindern, dass alle schwulen Männer während drei Monaten die Safer Sex Regeln einhalten. so könnte die Übertragungskette für das HI-Virus unterbrochen werden: weniger hoch ansteckende primo-infizierte verringern das risiko einer ansteckung schließlich insgesamt. von sex ohne gummi sollte daher im normalfall - und nicht nur bis zum Maifeiertag - also besser erst gar keine rede sein. (wf)
