Hakenkreuz für liberale Bischöfe: "gloria.tv".

Hakenkreuz für liberale Bischöfe: „gloria.tv“.

Chur. – Ein kleines Schweizer Bergdorf steht auf gegen das ultrakatholische Internetportal „Gloria.tv“. Dass das Portal liberale deutsche Bischöfe mit Hakenkreuzen verunglimpft, bringt die Sedruner in Rage. Denn einer der Gründer von „Gloria.tv“ ist ihr Pfarrer. Er soll auch für „kreuz.net“ geschrieben haben. In Sedrun ist er jetzt eine persona non grata.

Gemeindepräsident Pancranzi Berther bringt die Stimmung im Dorf so auf den Punkt: „Wir wollen kein Nest von Extremisten sein.“ Der Druck des Dorfs zeigt inzwischen Wirkung. Die Kirchgemeinde und das Bistum Chur reagieren: Reto Nay muss seinen Hut nehmen. Für Nay ist unterdessen klar: Er ist Opfer einer Hexenjagd von „homosexuellen Aktivisten“.

Eskalation binnen vier Wochen
Es ist viel diskutiert worden im Schweizer Ferienkanton Graubünden seit der Sache mit den Hakenkreuzen. Und es hat ein bisschen gedauert. Am Ende fällt die Entscheidung in weniger als vier Wochen.

Die Sache mit den Hakenkreuzen
Die Geschichte von Reto Nays Rauswurf beginnt am 18. Februar: Auf seiner englischsprachigen Seite berichtet „Gloria.tv“ in der Nachrichtensendung „Gloria news“ über sechs deutsche Bischöfe, die die „Pille danach“ unter bestimmten Voraussetzungen an katholischen Krankenhäusern erlauben wollen.

Abgestempelt: Karl Kardinal Lehmann.

Abgestempelt: Karl Kardinal Lehmann.

Stein des Anstosses: „Pille danach“
In der Sendung werden die sechs Bischöfe im Bild gezeigt und nacheinander mit Hakenkreuzen abgestempelt. Die „Gloria news“-Sprecherin stellt klar, es gebe gar keine „Pille danach“, die nur die Empfängnis verhüten und nicht abtreiben würde. Die Bischöfe machten sich damit mitschuldig am Tod von Kindern. Sie legt dem Vatikan nahe einzuschreiten.

Aufschrei wegen Abweisung
Die Bischöfe reagieren mit der „Pille danach“-Erlaubnis auf einen Skandal in Köln. Anfang des Jahres ist publik geworden, dass katholische Krankenhäuser dort die Behandlung vergewaltigter Frauen verweigert haben. Da sie die „Pille danach“ ohnehin nicht verschreiben dürfen, schicken die Spitäler einige Frauen offenbar gleich wieder weg. Und auch dabei soll „Gloria.tv“ indirekt die Finger im Spiel gehabt haben.

„Null-Toleranz“
Vor gut einem Jahr, im Februar 2012, meldet „Gloria.tv“, „Lebensschützer“ hätten bei Testkäufen an katholischen Spitälern die „Pille danach“ erhalten – entgegen des offiziellen Verbots der katholischen Kirche. Darauf, so das ARD-Magazin „Monitor„, habe die Caritas umgehend reagiert und einen Brandbrief an alle Krankenhäuser im Bistum Köln verschickt und in dieser Frage eine „Null-Toleranzgrenze“ verordnet. Entsprechend trauten sich die Ärzte nicht mehr, vergewaltigte Frauen zu behandeln.

Bischöfe gehen voran
Im Februar 2013 erlauben zunächst einzelne Bischöfe die „Pille danach“, was „Gloria.tv“ mit der zitierten Nazirhetorik beantwortet, kurz darauf gestattet die Deutsche Bischofskonferenz die „Pille danach“ schliesslich landesweit. Die spanischen und die Schweizer Bischöfe ziehen nach. Und im Bergdorf Sedrun beginnt es immer mehr zu brodeln.

Im Kreuzfeuer: Reto Nay.

Im Kreuzfeuer: Reto Nay.

Ärger auf Reto Nay
„Gloria.tv“ hat seinen Sitz in Moldawien und ist daher kaum greifbar. Doch Reto Nay lebt in der Schweiz und bekleidet ein Pfarramt. In einem Dorf, einer Kirchgemeinde und einem Bistum, die ihn alle dafür mitverantwortlich machen, was da auf dem von ihm mitgegründeten Internet-Kanal verbreitet wird.

„Schlicht unchristlich“
Im Bistum Chur hat man lange zugeschaut. Die ultrakonservative, homophobe und liberalenfeindliche Haltung von „Gloria.tv“ ist freilich auch im Bündner Kantonshauptort lange bekannt. Doch die Hakenkreuze sind jetzt selbst dem konservativen Bischof Vitus Huonder zuviel. „Was die Macherinnen und Macher von ‚gloria.tv‘ tun, ist schlicht unchristlich“, lässt Huonder seinen Sprecher Giuseppe Gracia Anfang der Woche erklären, als sich der Fall im Kanton zum Skandal entwickelt. Die Verantwortlichen des Portals handelten genau gegen die katholische Lehre, die sie angeblich verteidigen wollten, sagt Gracia.

Erfolglose Appelle: Bischof Huonder.

Erfolglose Appelle: Bischof Huonder.

„Nicht verantwortlich“
Die Verärgerung am Churer Bischofssitz mag auch etwas mit dem Verhalten Nays zu tun haben. Als Huonder Nay quasi auf dem kurzen Dienstweg bereits vor Wochen bittet, den Hakenkreuz-Beitrag auf „gloria.tv“ zu löschen, passiert nichts. Nay erklärt, er sei für die englischsprachige Seite des Portals nicht verantwortlich. Huonder belässt es zunächst bei dem Appell. Von dienstrechtlichen Konsequenzen ist erstmal keine Rede. Die müsste nach der Kirchenrechtslage zunächst auch die Kirchgemeinde ergreifen, die Nay angestellt hat. Der Druck auf sie und das Bistum wächst rasch.

Gemeinde fordert Entlassung
Der Präsident der politischen Gemeinde verlangt untedessen öffentlich und deutlich einen klaren Schnitt: „Wir fordern, dass der Pfarrer Reto Nay entlassen wird, sofern er seine Arbeit bei ‚gloria.tv‘ nicht niederlegt und sich ganz klar davon distanziert – insbesondere von Dingen, die rechtswidrig sind wie etwa die Hakenkreuze“, zitiert die Gratiszeitung „20 Minuten“ Pancranzi Berther, der der Gemeinde Tujetsch vorsteht, zu auch das Dorf Sedrun zählt.

Kein Verständnis: Sedrun.

Kein Verständnis: Sedrun.

„Wir sind eine moderne Gemeinde“
Auch wenn die politische Gemeinde eigentlich nichts mit der Kirchgemeinde zu tun habe, sagt Berther Anfang der Woche; dieser Fall erfordere ein Eingreifen: „Wir sind eine moderne Gemeinde und können nicht hinter solchen Geschichten stehen.“ Zudem wolle man die Feriengäste nicht verschrecken.

Fristlose Entlassung
Kurz darauf, am Mittwochabend tagt nun auch die Spitze der Tujetscher Kirchgemeinde. Der Vorstand lädt Reto Nay ebenfalls zu der Sitzung ein, um ihn anzuhören. Am Ende, berichtet die Zeitung „Südostschweiz“, habe man Nay fristlos entlassen. Er habe „den Bogen überspannt“, kommentiert Kirchgemeindepräsident Leci Brugger gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

Bistum fordert Nay zur Demission auf
Das Bistum Chur baut Nay zunächst noch eine Goldene Brücke zu einem Abgang ohne offiziellen Rauswurf. Der Bischof werde Reto Nay auffordern, innert Kürze zu demissionieren, sagt Bistumssprecher Gracia: „Tut Nay dies nicht, wird ihm die missio (die kirchliche Beauftragung) entzogen.“ Am Freitag greift Huonder schliesslich durch und enthebt Nay seines Amts.

Huonder greift durch: Churer Kathedrale.

Huonder greift durch: Churer Kathedrale.

Liechtensteiner Geistlicher des Bistums verwiesen
Offenbar um Nägel mit Köpfen zu machen, verweist Huonder auch den Liechtensteiner Priester Markus Doppelbauer per sofort des Bistums. Auch er arbeitet für „Gloria.tv„. Der Vaduzer Erzbischof Wolfgang Haas werde aufgefordert, dafür zu sorgen, „dass der Priester Markus Doppelbauer sich nicht mehr im Gebiet des Bistums Chur aufhält und dort nicht mehr kirchlich in Erscheinung tritt“, lässt Huonder mitteilen. Haas reagiert prompt und gibt Huonders Bitte statt. Wie „Radio Liechtenstein“ am Montag meldet, ist jedoch offen, ob Doppelbauer auch im Erzbistum Vaduz Konsequenzen fürchten muss. Man werde das Nötige tun, hiess es nur, Personalfragen wolle man aber nicht in der Öffentlichkeit diskutieren, berichtet der Radiosender.

Der entscheidende Tropfen
Das Video mit den Bischöfen und den Hakenkreuzen ist am Ende nur der Tropfen, der das Fass – jetzt zumindest in Graubünden – zum Überlaufen bringt. Hetze gegen liberale Katholiken, Schwule, Lesben und überhaupt Andersdende, ist längst zum Markenzeichen von „Gloria.tv“ geworden. Spätestens seit der Abschaltung des in Deutschland als verfassungsfeindlich eingestuften katholischen Hetzportals „kreuz.net“ ist „gloria.tv“ (Motto: „the more catholic the better“) zum Sammelbecken des Ultrakatholizismus und der Ewiggestrigen geworden.

Der Fall schlägt hohe Wellen:
Bericht des Schweizer Fernsehens SRF.

Bericht von „Spiegel TV“.

Reto Nay: Opfer einer „Schwule Hexenjagd“
Reto Nay ist unterdessen angeblich untergetaucht. Auch die Polizei soll schon ermitteln. Auf „Gloria.tv“ ist er nach wie vor präsent. Dort macht er klar, dass er an der Sache mit den Hakenkreuzen nach wie vor nichts Verwerfliches finden kann: Die englischsprachige „gloria.tv“-Redaktion habe lediglich die Haltung der deutschen Bischöfe zum Leben bildlich „qualifiziert“. Das  Hakenkreuz stehe schliesslich ebenso für „die Verachtung des Lebens“ wie die „Pille danach“. Für seinen Rauswurf macht Nay „homosexuellen Aktivisten“ verantwortlich. Die hätten eine „Hexenjagd“ auf „gloria.tv“ angezettelt. Nach Informationen der „Zeit“ wird „gloria.tv“ inzwischen vor allem von Wien aus gemanagt. (wfr)

[aktualisiert: 20. Mai 2013]

[bilder: screenshots gloria.tv (2), screenshot k-tv, Wikipedia, Xenos]


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17.03.2013, 00:20 uhr / 1 Kommentar / diskutiere darüber im forum

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