"Völlige Gleichstellung ist längst überfällig": Lukas Oehri.

„Völlige Gleichstellung ist längst überfällig“: Lukas Oehri.

Vaduz. – In Liechtenstein gründet sich der schwul-lesbische Verein „Flay“ neu. Der designierte Präsident Lukas Oehri (25) ist überzeugt, dass Schwule und Lesben in Liechtenstein wieder eine Lobby brauchen. Die vor drei Jahren erstrittene Eingetragene Partnerschaft sei nur ein erster Schritt, sagt er. Jetzt gehe es darum, „ganz normal“ heiraten zu können.

Lukas Oehri spricht im Interview auch über die gesellschaftliche Realität, wie sie Schwule und Lesben in Liechtenstein erleben, über die alltäglichen Erfahrungen mit Vorurteilen, über Mobbing in der Schule und die Angst vorm Outing.

Von Wolfgang Frey

Lukas, vor drei Jahren haben in Liechtenstein in einer Volksabstimmung 66,8 Prozent der Stimmbürger „Ja“ gesagt zur Eingetragenen Partnerschaft von Schwulen und Lesben. So eine grosse Zustimmung hat es bislang nirgends auf der Welt gegeben. Das klingt danach, als sei Liechtenstein ziemlich homofreundlich. Wofür braucht es einen neuen „Flay“-Verein?

Das „Ja“ zum Partnerschaftsgesetz war der erste grosse Schritt in die richtige Richtung. Die hohe Zustimmung hat mich ebenfalls erstaunt. Meines Erachtens ist es dennoch wichtig, dass es einen Verein wie „Flay“ in Liechtenstein gibt. Trotz hoher Zustimmung zum Partnerschaftsgesetz sind die Liechtensteiner und Liechtensteinerinnen teils noch sehr konservativ, was LGBTIs* anbelangt, haben Berührungsängste und finden es „abartig“. Die alte „Flay“ hat viel geleistet, aber es gibt noch viel mehr zu tun, bis man Liechtenstein „homofreundlich“ nennen kann – deshalb braucht es die neue „Flay“.

Das klingt nach viel unterschwelliger Homophobie. Gibt’s da Beispiele? Bist Du selbst einmal blöd angemacht worden, wenn Du mit Deinem Freund im Land unterwegs gewesen bist?

Auch wenn die meisten Reaktionen positiv oder zumindest neutral sind, machte und mache ich immer wieder negative Erfahrungen. „Blöd geschaut“ wird oft. In der Schule wurde ich von Mitschülern aus dem Sportunterricht quasi rausgemobbt. Vor einem Jahr, als ich mich endlich traute, mich bei meiner geliebten Nana** zu outen, hatte sie mir zu verstehen gegeben, dass sie das nicht akzeptieren könne. Das tat unglaublich weh.

Hast Du in diesen Situationen auch Unterstützung bekommen oder warst Du ganz alleine damit?

Meine Eltern und Freunde haben mich immer unterstützt, auch wenn ich oft das Gefühl hatte, dass sie nicht nachvollziehen konnten, wieso das so schlimm ist für mich. Am wichtigsten war und ist mir aber mein Partner, welcher mir in schwierigen Momenten immer Zuversicht und Kraft gibt.

Was könnte ein neuer „Flay“-Verein da konkret tun?

Es soll eine Anlaufstelle für LGBTIs sein – gerade auch für Junge, die sich unsicher sind und sich an jemanden wenden wollen. Es soll eine Möglichkeit sein, Gleichgesinnte kennenzulernen und sich auszutauschen, was in Liechtenstein sehr schwierig.

Warum ist das so schwierig in Liechtenstein?

Es gibt viele, die sich schwer tun, sich zu outen, beziehungsweise solche, die es nicht öffentlich leben, weil sie Angst vor den Reaktionen ihrer Mitmenschen, sogar aus der eigenen Familie, haben. Und das macht es natürlich schwierig, Gleichgesinnte kennenzulernen, wenn diese nicht geoutet sind.

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Heisst das, „Flay“ wird einen regelmässigen Treffpunkt organisieren, eine Art Stammtisch?

Das haben wir im Vorstand zwar noch nicht genau besprochen, das ist aber geplant. Entweder im Rahmen von einer Art Stammtisch und/oder regelmässiger Aktivitäten.

Wie viele Interessenten an der neuen „Flay“ gibt es denn bisher?

Eine genaue Zahl kann ich jetzt nicht nennen, aber wir hatten schon viele Interessenbekundungen – von jung bis älter. Ich hoffe, dass wir als junger Vorstand – wir sind dort, wenn wir gewählt werden, bis jetzt 25, 22 und 17 Jahre alt – gerade auch die jüngere Generation animieren, beziehungsweise ermutigen können, dabei zu sein.

Zumindest der Vorstand besteht jetzt nur aus männlichen Mitgliedern, was ist eigentlich mit den Frauen?

Wir haben auch einige wenige Frauen in unserer „Facebook“-Gruppe. Ich hoffe, dass wir noch mehr für „Flay“ gewinnen können und dass sich auch Frauen aktiv einbringen werden.

„Flay“ lädt zu Gründungstreffen ein

Am Freitag, 2. Mai, trifft sich der neue Verein „Flay“ zur Gründungsversammlung. Das Treffen findet um 19 Uhr in der Vanini Bar in Vaduz statt. Es ist öffentlich. Alle Interessierten sind willkommen. Kontakt mit „Flay“ kannst Du auch über ihre „Facebook“-Gruppe aufnehmen.

Apropos Einbringen: Du hast zu Anfang gesagt, es bleibe noch viel zu tun, bis Liechtenstein tatsächlich homofreundlich ist. Wollt Ihr Euch auch politisch einbringen?

Auf jeden Fall. Wir möchten zu jeweils aktuellen politischen Themen als Verein Stellung nehmen – im Moment wäre das zum Beispiel die Revision des Namensrecht und die diesbezügliche (Nicht-)Berücksichtigung von eingetragenen Paaren. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass der Verein selber den ein oder anderen Stein aktiv ins Rollen bringen wird.

Gilt das auch für eine weitere Gleichstellung der Eingetragenen Partnerschaft mit der Ehe? Das ist in Europa ja zuletzt viel drüber diskutiert worden?

Das stimmt. Viele umliegende Länder in Westeuropa sind in dieser Hinsicht schon viel weiter fortgeschritten. Eines der grossen Ziele von „Flay“ ist die Gleichstellung von LGBTIs, wozu natürlich auch gehört, dass wir „ganz normal“ heiraten und eine Familie mit Kindern gründen können.

Als es vor drei Jahren um das Partnerschaftsgesetz ging, hat der alte „Flay“-Verein noch ausdrücklich auf die völlige Gleichstellung mit der Ehe verzichtet, insbesondere auf das Adoptionsrecht. Ist die Zeit jetzt reif? 

Ja und Nein. Das Partnerschaftsgesetz ist noch jung. Der Verzicht auf Ehe und Adoption war wohl eine Kompromisslösung, zumal „das volle Programm“ wohl wenig Anklang gefunden hätte. Ich wage mal zu bezweifeln, dass ein erneuter Vorstoss schon heute erfolgreich wäre. Trotzdem ist die völlige Gleichstellung meines Erachtens längst überfällig. Bis dies aber in den Köpfen der Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner ankommt, braucht es noch ein wenig Zeit und Arbeit.

* „LGBTI“ kommt aus dem Englischen und ist eine gebräuchliche Abkürzung für „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender/Transexual and Intersexed“, zu deutsch: „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle“.

** „Nana“ steht im Schweizerdeutschen für „Oma“ oder „Grossmutter“.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

[Bild: Lukas Oehri]


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19.04.2014, 19:34 uhr / 0 Kommentare / diskutiere darüber im forum

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