vaduz. – liechtenstein wehrt sich gegen schwulen- und lesbenfeindliche umtriebe: in seltener einigkeit haben die beiden landeszeitungen heute dienstag die homophoben schmierereien auf plakaten einer staatlichen kampagne für mehr respekt gegenüber schwulen und lesben verurteilt.
es kommt nicht oft vor, dass sich die beiden liechtensteiner landeszeitungen einig sind. jede fühlt sich einer partei verpflichtet, das “volksblatt” der fortschrittlichen bürgerpartei (fbp), das “vaterland” der vaterländischen union. beide parteien regieren derzeit in einer grossen koalition mit der fpb als juniorpartner und der grünliberalen freien liste (fl) als kleinstmöglicher opposition – die partei verfügt nurmehr über einen sitz im 25-köpfigen landtag.
dennoch gibt es zwischen den traditionell zerstrittenen parteien ausgerechnet in einem punkt einigkeit: in liechtenstein soll es eine eingetragene partnerschaft geben. der initiative der kleinen fl stimmten im Oktober vor zwei jahren 19 landtagsabgeordnete zu. und auch heute waren sich die landeszeitungen, die für die beiden grossen parteien stehen, in kommentaren zu den anonymen schähungen von schwulen und lesben auf ihren frontseiten einig: “so nicht.”
“pervers” und “abnormal”
unbekannte hatten in der nacht zum sonntag in mehreren dörfern des landes plakate der aktuellen aufklärungskampagne unter dem motto “liebe ist immer respektieren” mit hassparolen wie “pervers + abnormal” und “fuck off” besprüht (tuckenalarm.com berichtete am sonntagabend).
beide landeszeitungen berichteten darüber am dienstag auf ihren titelseiten. der kommentator des “volksblatts” wies auf den breiten parlamentarischen konsens zum partnerschaftsgesetz hin, im “vaterland” hiess es, die schmierereien zeigten, dass offenbar noch vieles im argen liege und es aktionen wie die plakat-kampagne brauche.
liebe und “die andersheit”
unter dem titel “das andere ist keine bedrohung” wies der kommentator des “vaterlands” darauf hin, dass solche angriffe schlich “sprachlos” machten. sie zeugten offenbar von einem (falsch verstandenen heterosexuellen) verständnis von “identität”, das das “andere” als bedrohung empfinde. der autor endet mit den fragen: “Doch ist diese Identität es wert, verteidigt zu werden? Lässt sie Liebe überhaupt zu? Denn bedeutet Liebe nicht gerade, das Andere in seiner Andersheit zuzulassen?”
“Wie die Plakatschmierereien deutlich machen, besteht Handlungsbedarf”, sagte Bernadette Kubik-Risch, Leiterin der Stabsstelle für Chancengleichheit, die die Kampagne gemeinsam mit dem schwul-lesbischen Verein FLay organisiert hatte, dem “vaterland”. “Wir brauchen zu diesem Thema dringend Aufklärung, Information und den Dialog.” die unbekannten täter verweigerten jedoch gerade diesen dialog: Sie seien offenbar nicht couragiert genug, öffentlich ihre Meinung kundzutun. Flay-präsident daniel seger sagte, die schmierereien zeugten nicht gerade “von Niveau oder Charakterfestigkeit”.
online-umfrage bestätigt kampagne
die schwul-lesbische initiative flay rief heute dazu auf, sich an einer online-umfrage des “vaterlands” zu beteiligen. die tageszeitung fragt in dieser woche auf ihrer startseite “Finden Sie es sinnvoll, dass die Stabsstelle für Chancengleichheit für den Respekt gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe wirbt?” seit die umfrage am montagabend aufgeschaltet wurde, votierten rund zwei drittel der teilnehmer mit “ja”. ein ähnliches ergebnis ergab heute eine ebenfalls nicht repräsentative umfrage des senders “radio liechtenstein“.
“mit Pädophilen gleichgestellt”
die flay wies heute auf ihrer internetseite darauf hin, dass es bei einer ähnlichen kampagne vor zwei Jahren kaum Reaktion gegeben habe. In den vergangenen Wochen seien Schwule und Lesben allerdings mittels Leserbriefen angegriffen und “mit Pädophilen gleichgestellt” worden. teils sei ihnen die “Fähigkeit zu Lieben aberkannt” worden. “Zum Glück wurden diese Leserbriefschreiber von anderen, mutigen Mitmenschen kritisiert und haben sich für Schwule und Lesben eingesetzt”, hiess es weiter. Über Allerheiligen sei allerdings eine neue Runde - ganz anderer qualität - eingeläutet worden. diesmal hingen die plakate allerdings auch viel länger - zwei wochen.
wie das “vaterland” heute meldet, werden die besprühten plakate nicht ersetzt. die zeit der kampagne sei abgelaufen, hiess es zur begründung. eine strafanzeige wegen sachbeschädigung sei bei der polizei nicht eingegangen. unterdessen berichteten die liechtensteinischen medien heute unter berufung auf eine von der landesregierung initiierten studie über einen tendenziell zunehmenden rechsextremismus im land.
warten auf das partnerschaftsgesetz
wie es mit dem gesetzesvorstoss für eine eingetragene partnerschaft weitergeht, ist derweil unklar. “Das Partnerschaftsgesetz als solches steht. Nun gilt es, die zahlreichen Gesetze anzupassen, die aufgrund des Partnerschaftsgesetzes abgeändert werden müssen. Wir sprechen hier von zirka 30 bis 40 Gesetzen”, zitierte das “vaterland” im mai Edgar Nipp, den Ressortsekretär der zuständigen Justizministerin Aurelia Frick. die vernehmlassung des gesetzentwurfs sollte laut Nipp im August starten. verzögerungen könnten wegen der komplexität des themas aber nicht ausgeschlossen werden, fügte er hinzu. diese sind ganz offenbar eingetreten. (wfr)
