Der Trance-Techno aus den Lautsprechern über der Bar war plötzlich verstummt, die Video-Clips auf den zwei Bildschirmen mitten in der Bewegung eingefroren, ehe – völlig ungewohnt an diesem Ort, einem Club in der Allenby Street – die breaking news des israelischen Fernsehens tatsächlich über alle geradezu hereinbrachen. Bilder, wie man sie seit den Terror-Anschlägen im Zuge der sogenannten Zweiten Intifada nicht mehr gesehen hatte: Die Nacht von Tel Aviv vom Blaulicht der Polizei- und Rettungswagen gefleckt, Uniformierte mit MP’s und schusssicheren Westen, die ersten grünweissen Absperrbänder, dann die Bahren mit blutüberströmten jungen Menschen.
von marko martin, tel aviv
Von einem Mord-Anschlag mit zwei Toten und über zehn Verletzten ist die Rede, der Tatort eine schwullesbische Bar in der Nähe des Rothschild-Boulevards. Ein jeder schlussfolgert so das Naheliegende: Hier kann es sich nur um “Evita” handeln, die beliebte Terrassen-Lounge-Bar in der Yafne Street, die nicht nur Community-Gäste, sondern Feierfreudige jeglicher Präferenz anlockt. Hätte man in den nächsten Minuten nicht genau dort den Abend beschliessen wollen und war mit Freunden verabredet?
Was jetzt allerdings folgt, ist das Gegenteil jeglicher Hysterie. Ruhig, ganz ruhig, schauen die Gäste die Schreckensbilder über ihren Köpfen, greifen dann sofort nach ihren Handys, telefonieren, geben mit bemüht gelassener Stimme die Information durch, dass man selbst an sicherem Ort sei, fragen nach dem Gegenüber – und erstarren dann doch, wenn lediglich die automatische Stimme der Mailbox zu hören ist, welche die schlimmsten Erinnerungen an die Jahre ab Herbst 2000 wachruft: Hay-many shehimantem eyno zamim. Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar – und wird es womöglich auch nie mehr sein, sein Leben im Bruchteil von Sekunden ausgelöscht, eine einmalige Biographie zu einem Klumpen von zerfetztem Fleisch geworden.
Taxis und Busse fahren ohne Unterlass
Blicke werden gewechselt, aber da ist kein überflüssiges Gerede, kein Kokettieren mit dem erneuten Einbruch von Gewalt in den tagnächtlichen Rhythmus der quirligen Metropole, keinerlei Sich-wichtig-Tun Statt dessen verlassen die Meistenden zügig den Club, laufen die von pittoresk verfallenen Bauhaus-Ungetümen und Gebäuden aus der britischen Mandatszeit flankierte Allenby Street hoch, bis zur Ecke Rothschild-Boulevard. Vor dem kleinen Sushi-Pavillon und den umliegenden Cafes aber sitzen nach wie vor die abendlichen Flaneure, Taxis und Busse fahren ohne Unterlass. Weiter zur Yafne Street, wo auf einmal nun beinahe Erleichterung aufkommt: Keine Polizei- und Krankenwagen, nur das sofort geräumte “Evita” und die Nachricht, das hier das nächste Blutbad hätte stattfinden sollen, wäre der Wachmann vor dem ansonsten doch eher dekorartigen Absperrgitter nicht derart geistesgegenwärtig gewesen.
Junge Leute fallen sich in die Arme, wieder wird telefoniert, werden Eltern, Partner und Freunde beruhigt. Währenddessen ist von einem bewaffneten, inzwischen flüchtigen Mann ist die Rede, von einer bereits im gesamten Viertel anlaufenden Suchaktion von Polizei und Inlandsgeheimdienst Shin Beth. “Siehst du, sie lassen uns nicht allein”, sagt unter Tränen eine junge Frau, die gerade von der gegenüberliegenden Seite des idyllischen, mit Bäumen und Bänken bestandenen Rothschid-Boulevards kommt. Dort nämlich hatte sich das Attentat ereignet, in einem unscheinbaren Haus an der Ecke Nahmani– und Ahad Ha’ am Street, wo sich ein Hilfsprojekt für jugendliche Homosexuelle befindet.
homosexuell und tief gläubig zugleich
Erste Gerüchte machen die Runde, doch selbst sie sind eher fragend und moderat, nicht schrill oder besserwisserisch: Könnte es nicht sein, dass ein religioser Täter in Frage käme, da der Ort für die seit längerer Zeit ohnehin ruhig gestellten palästinensischen Terroristen wohl kaum ein spektakuläres Ziel gewesen sein dürfte? Nicht unbedingt, gibt der 24jährige Anwalt Nadav zu bedenken, der sich in einer Organisation für junge Reliogiöse engagiert, die beides sind – homosexuell und tief gläubig zugleich. Hatte man in jenem Eckhaus mit seinem Jugendprojekt nicht auch jungen arabischstämmigen Isreaelis geholfen, so dass man ebenfalls vermuten könnte, das vielleicht ihrer wütenden Väter oder Onkel…?
Dutzende Menschen überqueren den Boulevard und sehen an der Kreuzung in der kleinen Seitenstrasse bereits die Männer in Kippa, Kaftan und durchsichtigen Handschuhen, die bei Terrorattacken stets zur Stelle sind, um die Körperreste der Ermordeten zu bergen. Auch Ultraorthodoxe mit schwingenden Schläfenlocken kommen angeeilt – das Viertel, das sie früher dominierten, ehe es alternativ-gemischt wurde, mochte von gewissen Konflikten geprägt gewesen sein, jedoch niemals von Gewalt dieser Art. Werden die Religiösen nun etwa ausgebuht, sucht sich der Volkszorn einen Sündenbock? Nichts weniger als das.
die ersten Kerzen werden aufgestellt
Gemeinsam steht man vor den Absperrungen, Zivilisten sprechen mit den Schwerbewaffneten, von irgendwo her sind Helikopter in die noch immer um die dreissig Grad heisse Nachtluft aufgestiegen, und weder die zahlreich eingetroffenen Fotografen noch die Kameraleute des israelischen Fernsehens drängeln und fluchen – eine Ruhe und Aufmerksamkeit stattdessen, wie man sie im rüde-fröhlichen Tel Aviv ansonsten kaum kennt. Die Leichen, so hört man, seien bereits abtransportiert, die schwerverletzten Jugendlichen in den nächstgelegenen Krankenhäusern in Behandlung.
Inzwischen ist es schon ein Uhr, und die ersten Kerzen werden an der Kreuzung aufgestellt, die ersten Regenbogenfahnen entrollt. Dann erscheint Nitzan Horowitz, der einzige offen homosexuelle Knesset-Parlamentarier, Abgeordneter der linksliberalen Bürgerrechtspartei Meretz.
Zustimmug ohne Empörungs-Emphase
Dass er in seiner kurzen, improvisierten und immer wieder von Stocken unterbrochenen Rede sofort politsches Kapital aus dem Verbrechen schlagen würde, könnten wohl nur Böswilige behaupten. Auch er weist darauf hin, dass Motiv und Identität des flüchtigen Mörders noch unklar seien, erwähnt jedoch auch das gegenwärtige Umfeld des gerade im toleranten Tel Aviv absolut unerwarteten Geschehens. War von Seiten der ultra-religiösen Regierungspartei Schas (deren geistiger Führer Rabbi Ovadia Joseph vor Jahren die vermeintliche Gottferne der westeuropäischen Juden für den Holocaust verantwortlich gemacht hatte) nicht immer wieder gegen Homosexuelle als “Zerstörer des Judentums” gehetzt worden, hatte man in diesem von der Aufklärung abgeschotteten Milieu nicht ein Klima der verbalen Gewalt geschaffen?
Die Menge ringsherum stimmt zu, ohne sich jedoch in Empörungs-Emphase hineinzusteigern. Viele der Umstehenden erinnern daran, wie in den zunehmend rechtsfreien Räumen der Westbank-Siedlungen nicht nur die arabischen Nachbarn kujoniert, sondern auch rassistisch-sexistische Hetzreden gegen den “Neger-Präsidenten und die Frigide” geschwungen werden, da neben dem säkularen Tel Aviv nun auch die Siedler-kritische Obama-Administration zum Feindbild der Extremisten geworden ist. “Die Utrarechte mordet wieder” heist es auf einem in die Kameras gehaltenen Pappschild – eine Anspielung auf die Ermordung Yitzhak Rabins im November 1995.
Gemeinsames Gebet
Hatte am vorgestrigen Abend Nir Baram, der gute Freund und junge Schriftsteller, Sohn und Enkel von Ministern diverser Rabin-Kabinette, also doch recht gehabt, als er von der Zerstörung Israels von innen her sprach? Um ihn zu treffen und über seinen bald auf deutsch erscheinenden Tel Aviv-Roman “Der Wiederträumer” zu sprechen, war man doch eigentlich erneut in die hochsommerliche Stadt gekommen – die abendliche Unterhaltung im schönen, kühlen Innenhof-Restaurant “Stefan Braun” as geplanter ambivalenter Abschluss eines eigenen Tel Aviv-Buchs. Sogar freundschaftlich gestritten hatte man, die tiefe Skepsis des Zweiunddreissigjährigen gekontert mit unzähligen Verweisen auf das regionsweit einmalig Plurale des demokratischen Israel. Und nun dies.
Doch geichzeitig: Die Stimme eines Rabbis, der nun alle zum gemeinsamen Gebet bittet und den Ewigen anruft, der Toten gedenkt und den Wunsch in den Himmel sendet, der Judaismus solle den Friedwilligen gehören und nicht den Predigern des Hasses. Die Mutter eines homosexuellen Sohnes ergreift das Mikrophon und spricht unter Tränen von ihrer Liebe für ihr Kind und dessen Partner und ruft Eltern in ähnlichen Familienverhältnissen dazu auf, ebenso offensiv zu handeln anstatt den Jugendlichen Angst zu machen und sie in seelische Krisen zu treiben.
immer mehr schliessen sich dem Zug an
Eine halbe Stunde später formiert sich die Demonstration, spontan und wahrscheinlich auch nicht “polizeilich genehmigt”, obwohl auf dem Weg vom Rothschild-Boulevard über die Allenby Street bis hinunter zu einem Park an der King George Street kein einziger der kurzzeitig blockierten Auto- oder Nachtbus-Fahrer wütend hupt.
In den Cafes längs der Weges erheben sich schweigend die Menschen, und mehr, immer mehr schliessen sich dem Zug an. Mittlerweile ist es drei Uhr morgens, doch keiner scheint mehr an Party oder Schlafengehen zu denken. Sind dies also die angeblich verweichlichten Ego-Hedonisten, über welche die extreme religiöse Rechte seit Jahr und Tag Hass und Häme ausgiesst?
immense Freiheit zu verteidigen
Zum Abschluss singen oder vielmehr summen die Menschen, inzwischen Männer und Frauen jedes Alters, ja selbst ein paar Familien auf dem späten Nachhauseweg, “Das Leben ist eine schmale Brücke”, ein populäres Lied aus den Gründungsjahren des Staates Israel. “Wir haben eine immense Freiheit zu verteidigen”, sagt einer der jungen Männer, der zusammen mit seinem Freund gerade in der Armee dient, übrigens einer der schwulenfreundlichsten Institutionen auf der ganzen Welt, in welcher homophobe ‘hate-speech” bereits einen internen Straftatbestand darstellt. “Schliesslich ist es unser Tel Aviv und unser Israel, für alle.”
Die Lichter des Parkes illuminieren die Regenbogenfahne, das weltweite Symbol der schwullesbischen-Community, doch gleich daneben weht blau auf weissem Grund der Davidstern, die Fahne des demokratischen Staates Israel. Trotz alledem und alledem.
[bilder youtube.com/screenshots]
Mehr zum Anschlag auf das schwul-lesbische Zentrum der Agudah in Tel Aviv Anfang August 2009 findest Du auch links in in der Navigation unter “nahost”.
