das wort von der demographischen entwicklung ist längst in aller munde. die gesellschaft altert und mit ihr schwule und lesben. auch wenn sie in der allgegenwärtigen diskussion kaum vorkommen. dabei gibt es eine menge von ihnen. jutta brambach von der berliner lesbeninitiative rad und tat, die sich seit 1989 vor allem um die sorgen älterer lesben kümmert: “in berlin geht man von 40.000 lesben und schwulen ab 65 jahren aus.” das sei aber eher eine konservative schätzung: “wir gehen davon aus, dass es zumindest hier in berlin mit sicherheit mehr sind.”
exakte zahlen für ganze bundesrepublik gibt es ebensowenig wie für berlin. sicher ist jedoch, dass unter den älteren homosexuellen, genau wie unter den heterosexuellen, mehr frauen als männer sind, wegen ihrer höheren lebenserwartung. jutta brambach von rad und tat weiss aus ihrer erfahrung in berlin, dass frauen anteilsmässig im zunehmenden alter rund zwei drittel der älteren ausmachen: “der frauenanteil steigt einfach ungeheuer und daher sind eben auch sehr viele lesben da, für die irgendetwas passieren muss.”
vor allem, weil lesben in der altenpflege und in vielen altenheimen schlicht kein thema sind. jutta brambach hat in berlin in der zusammenarbeit mit vielen dieser einrichtungen erlebt, “dass lesbische frauen, also frauen, die eine andere biographie haben, überhaupt kein thema sind.” es werde “gar nicht gesehen, dass die frauen andere vorstellungen haben, dass sie vielleicht eine andere geschichte haben. dass sie möglicherweise eben nicht den ehemann hatten und die kinder”. statt dessen beschäftigen sie sich mit anderen dingen, wünschen sich vielleicht wieder kontakte zu anderen lesbischen frauen. “doch das ist ganz schwierig”, sagt jutta brambach, “wenn das in den seniorenheimen nie thematisiert wird, wenn dort niemand ansprechbar ist.”
die älteren frauen, sagt jutta brambach, fühlen sich dort nicht nur sehr allein. viele erleben dort auch erneut genau die diskriminierungen, die sie schon aus ihrer jugend kennen, gerade die älteren frauen: “die haben ja zum grossen teil noch den faschismus miterlebt und damit massivste diskriminierungen. viele trauen sich auch gar nicht, zu sagen, ich bin lesbisch, die würden diese worte gar nicht in den mund nehmen, und sie erleben diese diskriminierung im alter und dann eben auch im seniorenheim nochmal doppelt.”
oft gibt es dort keine möglichkeit, über die eigene geschichte zu reden. viele verschweigen aus angst, dass sie lesbisch sind. “das geht soweit, dass diskriminierung tatsächlich praktisch konkret nochmal erlebt wird”, sagt jutta brambach. “wenn eine frau das erzählt, die anderen nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, gar nicht mit ihr sprechen wollen oder sie eben auch sorge haben muss, vom pflegepersonal da möglicherweise schlechter behandelt zu werden.”
in berlin hat der verein rad und tat für diese frauen einen besuchsdienst organisiert, in anderen deutschen städten gibt es ähnliche initiativen. vieles hat sich in den letzten jahren schon getan, zum beispiel beim thema wohnen im alter. bislang sind die projekte allerdings noch rar gesät, sie existieren nur in einzelnen städten wie zum beispiel in köln. in freiburg gibt es eine untersuchung dazu und aus berlin berichtet jutta brambach “im zusammenhang mit unserem besuchsdienst sind wir angefragt worden von heimleiterinnen aus senioreneinrichtungen, die sich gedanken darüber machen, vielleicht eine etage für lesbische frauen einzurichten.”
insgesamt ist jutta brambach vorsichtig optimistisch: “wir stellen fest, dass schon einiges in bewegung gerät.” (wf)
