Ein Zwischenruf von Wolfgang Frey.

Ein Zwischenruf von Wolfgang Frey.

Berlin. – Der schwule Berliner Blogger Johannes Kram holt in seinem „Nollendorfblog“ zum Rundumschlag aus: Er lässt kaum ein gutes Haar an den Organisatoren des Berliner CSD. Der Versuch, einen „politischen“ CSD auf die Beine zu stellen, sei gescheitert, schreibt Kram und fragt: „Warum erklären wir nicht endlich den Versuch als gescheitert, den Berliner CSD als eine politische Demonstration zu verkaufen?“

Krams Frage ist wichtig, richtig und überfällig. Denn sie gilt nicht nur für den Berliner CSD. Im Folgenden: Der Versuch einer Antwort.

Von Wolfgang Frey*

Mir scheint die Debatte um den Berliner CSD  nur ein weiterer Ausdruck des gesamten Zustands einer viel zitierten „Gay-Community“ zu sein, die es in Deutschland längst nicht mehr gibt. Wer vor fünfzehn Jahren auf einem CSD war, hatte noch ein Gefühl, „dort zu hause sein“. Es gab noch Solidarität und die war spürbar. Jedenfalls ging es mir so. Damals gab es noch das Bewusstsein, dass es etwas zu erkämpfen gibt. Aus diesem Gefühl ist auch die Solidarität entstanden.

Nichts mehr zu erkämpfen?

Heute – und entschuldigt jetzt bitte meine provokante Plattheit, aber das regt mich wirklich auf -, heute herrscht nach meinem persönlichen empfinden das Gefühl vor, man könne ja heiraten, hiv und aids seien heilbar, man sei chic, cool, anerkannt und mehr oder weniger akzeptiert. Es herrscht der (falsche) Eindruck, es gebe nichts mehr gemeinsam zu erkämpfen. Daraus entsteht eine Entsolidarisierung innerhalb der „Community“. Genauso wie in anderen Gesellschaftsbereichen auch.

Wo ist die „Szene“ geblieben?

Ein gutes Beispiel dafür ist die schwul-lesbische Kneipen- und auch die Partyszene. Der Gedanke, so etwas unterstützen zu müssen, damit es nicht kaputt geht (also aus Solidarität), ist Vergangenheit. Man geht einmal wohin, findet es vielleicht ein bisschen uncool, geht dann also nicht mehr, dann ist die Partyreihe oder die Kneipe mangels Gästen irgendwann am Ende, und dann beschwert man sich natürlich noch darüber, dass die Szene stirbt. Ich habe das als Partyveranstalter im Rhein-Main-Gebiet selbst erlebt und beobachte es gerade in Österreich und in der Schweiz. Nein, das ist keine Beschwerde, nur eine Beobachtung.

Das eigentliche Problem

Wenn also – so meine These – unsere eigene Entsolidarisierung das tiefer liegende und eigentliche Problem ist, dann müssten wir vor allem einmal bei uns selbst anfangen. Denn auch ein CSD-Orga-Team (wie das ausführlich kritisierte aus Berlin) ist nur so gut – und kann nur so gut sein – wie die „Community“, die dahinter steht – und für die dieses Orga-Team irgendwas auf die Beine stellt.

Schnelle Dates statt Politik?

Die „Community“ will heute (sollten das Vorurteile sein, ist Widerspruch herzlich willkommen) schnelle Dates im Internet abmachen und Feiern. Wo sind die Gruppen mit homo-politischen Debatten auf Facebook, Google+ und Co.? Dating und Nackt-Bilder-Tauschgruppen gibt es dort wie Sand am Meer. Und Partykalender. Genau so unpolitisch sind folglich auch unsere CSDs geworden. Schon seit Jahren. Politische Forderungen auf Plakaten sind zumeist zur reinen Alibi-Übung verkommen, bei Schweigeminuten für Aids-Tote schwätzt die Hälfte dazwischen.

An die eigene Nase fassen

Uns sollte vielleicht auch einmal zu denken geben, wer uns eigentlich noch vertritt. Wer kämpft noch für uns, dafür, dass wir gleiche Rechte bekommen? Wir etwa? Kaum. Die Grünen (die das als Mainstream-Partei gar nicht müssten), der (vielkritisierte) LSVD, und dann halbherzig SPD und FDP.

Auf die „Basis“ kommt es an

Ein CSD-Orga-Team – und sei es noch so toll und gut – kann ohne „Community“ im Hintergrund schlechterdings nichts auf die Beine stellen, was keinen Rückhalt an der Basis findet. Ich will das Berliner Team damit weder bewerten noch verteidigen. „Back to the roots“ ist allerdings tatsächlich überhaupt kein Motto. Geschenkt & d’accord. Aber, eben: Eine Bewegung, welcher Art auch immer, braucht eine Basis. Doch so lange die lieber einfach feiert und datet als demonstriert, und nicht das Gefühl hat, es gebe tatsächlich noch etwas zu erkämpfen, so lange wird kein CSD in Deutschland wieder politisch werden.

Ganz anders überm Teich

Bemerkenswert finde ich immer wieder den Blick in den angelsächsischen Raum: Dort wird auch in sozialen Netzwerken über politische homosexuellen-relevante Inhalte debattiert, dort sind Organisationen wie etwa „All Out“ oder „Human Rights Campaign“ entstanden und sehr aktiv – und sie bewegen tatsächlich etwas. Sie nehmen die Menschen mit, begeistern sie, wecken Solidarität und die Lust, für etwas zu kämpfen. Genau das, was eigentlich auch ein CSD leisten sollte.

Die eigentliche Frage

Warum gelingt unserer „Community“ das nicht mehr? Diese Frage sollten wir uns als allererstes einmal selbst stellen. Denn die Antwort kann uns auch kein noch so gutes CSD-Orga-Team geben. Das können nur wir selbst.

*Wolfgang Frey ist Herausgeber von tuckenalarm.com.


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11.12.2013, 22:58 uhr / 0 Kommentare / diskutiere darüber im forum

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