Berlin. – Dass Homophobie gerade unter Südländern und Moslems verbreitet ist, ist ein offenes Geheimnis. Eine Studie an Berliner Schulen hat das gerade Ende 2007 wieder gezeigt: danach stimmen 49,5 Prozent der türkischen oder türkischstämmigen Schüler der Aussage zu: “Wenn ich wüsste, dass mein Nachbar schwul ist, würde ich lieber keinen Kontakt zu ihm haben.” Nun fordert ausgerechnet die konservative Berliner CDU, ansonsten nicht gerade eine Bastion schwuler und lesbischer Vordenker, wieder einmal Abhilfe. Vielleicht, weil man so der linken, vom offen schwul lebenden Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geführten landesregierung eins auswischen will, vielleicht auch, weil man in der einwanderungspolitik ein zeichen setzen will. Aber immerhin: gewalt gegen lesben und schwule wird einmal öffentlich thematisiert.
Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus und selbst offen schwul, warf der landesregierung aus spd und linkspartei in einem interview in der Tageszeitung “Tagesspiegel” vor, zu wenig gegen die steigende zahl von homophoben gewalttaten zu unternehmen: “Die jüngsten Übergriffe, bei denen Schwule oder Lesben ohne jeden Grund krankenhausreif geschlagen wurden, machen uns Homosexuellen Angst - und immer häufiger haben die Täter Migrationshintergrund”, sagte steuer der zeitung. “In meinem Freundeskreis wird bereits diskutiert, ob man in der Öffentlichkeit noch Händchen halten oder sich einen Abschiedskuss geben kann.”
Respekt oder abreise
Für homophome ausländer schlägt steuer de facto einen stadtverweis vor: “Es muss deutlich werden: Homosexualität, aber auch Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind in Berlin selbstverständlich; wenn Ihr Euch damit anfreundet, ist es gut – wenn nicht, solltet Ihr Euch entscheiden zu gehen.”
Die verbände der ausländer, schwiegen unterdessen zum thema, monierte der cdu-politiker: “Diese Gruppen weichen dem Thema aus und schweigen, weil sie ein Problem mit Homosexualität haben. Das geht nicht. Gerade die Migrantenverbände müssen Position beziehen.” Steuer verweist auf das Scheitern des “Runden Tisches gegen Homophobie”, an dem auch Migranten- und Islamverbände ergebnislos teilgenommen hatten.
Hetze auf arabisch
Wie queer.de berichtet, rief vor kurzem der autor eines hetzartikels in einem arabischsprachigen Berliner Anzeigenblatt dazu auf, Schwule zu ächten. Auch das angebliche Tötungsgebot gegen Homosexuelle durch den Propheten Mohammed, das im Koran festgeschrieben sein soll, wurde dort verteidigt.
Wegen des hohen ausländeranteils gärt das thema in der hauptstadt freilich schon länger. Steuer hatte schon vor rund einem jahr erklärt, die rückständige und intolerante Einstellung der ausländischen Kinder, respektive solcher mit eingewanderten Eltern, sei “letztlich der Nährboden für die Zunahme der Übergriffe auf Homosexuelle durch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die das schwule Überfalltelefon verzeichnet”, so steuer. Insofern helfe es auch nicht weiter, wenn die regierung konstatiere: Homophobie dürfe nicht mit “Islamophobie” begegnet werden. “Sehr wohl”, so steuer, “müssen wir eben 50 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sagen: So nicht!”
Provokation nötig
Es könne auch nicht sein, dass kein Bezirk eigene Projekte in diesem Bereich fördere. Besonders die Problembezirke Kreuzberg und Neukölln, sagt steuer, wären aufgefordert, in dieser Hinsicht verstärkt etwas zu tun: “Es ist bezeichnend für das Zurückweichen des Staates gegenüber der breit verankerten Intoleranz, dass in Neukölln ein Projektantrag des LSVD in der Rollbergsiedlung nicht genehmigt wurde, weil sich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund provoziert fühlen könnten.” Es sei “eben diese Provokation”, die offensichtlich notwendig sei. (wf)
