Berlin. – nun ist selbst in deutschland ernüchterung eingetreten. Der hype um den deutschen papst ist abgeblasen. Statt “wir sind papst!” drucken die zeitungen schlagzeilen wie “Wir waren Papst“, “Die Kritik an Papst Benedikt XVI. will nicht verstummen“, “die papstrophe” oder räsonieren darüber, ob der papst eigentlich zurücktreten könne. An entsprechenden empfehlungen mangelt es inzwischen auch nicht mehr – wenn der fall eines rücktritts freilich auch sehr unwahrscheinlich ist. Und es wird zunehmend deutlich, dass die pius-bruderschaft, die papst benedikt xvi samt dem Bischof und Holocaust-Leugner Williamson kürzlich rehabilitiert hat, eine lange tradition juden-, minderheiten- und schwulenfeindlicher auswüchse hat.
Von wolfgang frey
“Die Holocaust-Leugnung des Bischofs Richard Williamson ist kein einfacher Ausrutscher - er und seine Weggefährten predigen seit Jahrzehnten Hass gegen Juden, Muslime und Homosexuelle”, schreibt “spiegel online“. Ihre Schriften gewähren einen erschreckenden Einblick in die Geisteswelt der katholischen Hardliner.”
In kanada habe williamson schon 1989 erklärt: “Die Juden erfanden den Holocaust, Protestanten bekommen ihre Befehle vom Teufel, und der Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft.”
“Der Antichrist wird jüdisch sein”
Und Williamson sei kein Einzelfall. Piusbruder Emmanuel Herkel habe bereits in seinem Pamphlet “Kommt der Antichrist?” diesen einblick in seine weltsicht gewährt: “Der Antichrist wird jüdisch sein (…) Der Teufel wird nicht versäumen, von ihrer Blindheit Gebrauch zu machen, um sie dem Antichristen unter ihnen unterzuschieben. Christus, den sie zurückwiesen, ist die Wahrheit. Somit wird sich der Fluch von St. Paul den Juden zuwenden …” Ähnlich äusserten sich die beiden Piusbrüder Michael Crowdy und Kenneth Novak im Pius-Magazin “Angelus”: Das Judentum sei “generell feindlich gegenüber allen Nationen, in besonderer Weise gegenüber christlichen Nationen”.
“kein ausrutscher”
“Diese antijüdische Propaganda ist keine isolierte extremistische Position innerhalb des Weltbildes der Piusbruderschaft, sie geht vielmehr einher mit antiislamischen Parolen, Hasstiraden gegen Homosexuelle und Diskriminierung von Frauen”, resümiert “spiegel online”. Die Holocaust-Leugnung von Williamson sei “kein Ausrutscher, für den man sich mal eben schnell entschuldigen” könne, sie sei “eine deutlich sichtbare Blüte in einem weltanschaulichen Sumpf”, mit dem die gesamte katholische Kirche unter Benedikt XVI. und teils schon unter seinem Vorgänger Johannes Paul II. stärker belastet sei, als ihr lieb sein könne.
Kanzlerin fordert “erklärung”
Die jüngsten auswüchse dieses “sumpfs” rief nun selbst die deutsche bundeskanzlerin angela merkel (cdu) auf den plan. Merkel stellte klar, sie mische sich in religionsfragen nur ungern ein, aber nun gehe es um das verhältnis von deutschen und juden, schliesslich sei der papst ein landsmann und nicht zuletzt gehe es um den holocaust, eine bekanntlich klar deutsche angelegenheit. Merkel sagte am Dienstag in Berlin, der Papst müsse “sehr eindeutig” erklären, dass es keine Leugnung des Holocaust geben dürfe, und dass es “einen positiven Umgang (…) mit dem Judentum insgesamt” geben müsse, wie die Nchrichtenagentur AP meldet. “Diese Klarstellungen sind aus meiner Sicht noch nicht ausreichend erfolgt.”
korb für die kanzlerin
Der Vatikan reagierte umgehend mit einem Korb. “Die Haltung des Papstes zum Thema Holocaust ist sehr deutlich ausgedrückt worden”, sagte Sprecher Federico Lombardi. In der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch habe benedikt xvi “unmissverständliche Worte” zum Thema gesagt und deutlich gemacht, dass die Gründe für die Rehabilitierung Williamsons nichts damit zu tun hätten, irgendwelche Positionen zu legitimieren, die den Holocaust leugneten.
Der Tübinger Theologe Hans Küng befand dagegen im gespräch mit der “financial times deutschland”: “Wenn ein deutscher Papst einen solchen katastrophalen Fehler macht, fällt das auch auf die Deutschen zurück.”
“benedikt-torte”
Die deutschen hatten Joseph Alois Ratzinger, vor seiner wahl zum papst kardinal und chef der vatikanischen glaubenskongregation und auch damals schon für seine erzkonservative haltung bekannt, 2005 noch wie einen volkshelden gefeiert, als er papst wurde. ganz deutschland schien damals in einer papst-hysterie aufzugehen. Brote, kuchen und torten wurden gebacken und nach ihm benannt, seine bayerische heimatgemeinde erlebte einen touristenansturm.
Allein die tatsache, dass der vatikan einem bäcker des dorfes verbot, eine “benedikt-torte” zu verkaufen, trübte die stimmung ein wenig. Das wirkte kleinlich, aber schliesslich ist der papst so etwas wie eine marke und die rechte daran liegen beim vatikan.
“schlecht beraten”
Nun wird in verschiedenen diskussionen immer wieder argumentiert, ratzinger sei “schlecht beraten” worden. Er habe das mit williamson gar “nicht gewusst”. Das erinnert an ähnlich unselige argumente aus der unseligen deutschen vergangenheit. Und die affäre pius-bruderschaft erinnert zugleich daran, dass der papst ähnlich konservativ ist, wie dieser verein. wie die “neue zürcher zeitung” schreibt, kursiere Im Vatikan nun auch eine Dokumentation, in der nahegelegt werde, dass das TV-Interview mit dem Holocaustleugner williamson kein Zufall gewesen und der Papst “Opfer eines Komplotts” geworden sei.
Kardinal ratzinger hat als chef der vatikanischen glaubenskongregation nie einen zweifel an seiner haltung gelassen. Egal, ob es um das gemeinsam abendmahl mit reformierten christen oder um schwule ging. Insofern erstaunt die ganze affäre eigentlich nicht.
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kardinal ratzinger 1986: “Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist.”
kardinal ratzinger zur homo-ehe 2003: “Ratzinger wittert den Verfall”, taz,“Frontalangriff auf die Homo-Ehe”, wiebadener kurier
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photo www.cdu.de / Laurence Chaperon
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aktualisiert am 4. februar 2009
