Lebenslänglich im Vatikan: Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI.

Lebenslänglich im Vatikan: Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI.

Rom. – Joseph Ratzinger bleibt nach seinem Rücktritt als Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Aus gutem Grund: Nur der Vatikan gewährt ihm ab Freitag Schutz vor der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung wegen den zahllosen Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester der katholischen Kirche.

„Er muss im Vatikan bleiben, anderswo wäre er wehrlos“, zitiert die Nachrichtenagentur „Reuters“ einen namentlich nicht genannten Vatikan-Vertreter. Als ehemaliger Staatschef des Vatikanstaats geniesst Ratzinger nur dort strafrechtliche Immunität.

Angst vor Klagen

Unbegründet sind die Sorgen nicht. Es gab und gibt zahlreiche Versuche, den Papst für Verfehlungen katholischer Priester haftbar zu machen. Im Jahr 2010 etwa wurde Ratzinger in den USA in einem Missbrauchsverfahren als Angeklagter benannt. Ein Geistlicher hatte an einer Schule Jungen missbraucht, Ratzinger habe davon 1995 als Kardinal erfahren, unternommen habe er jedoch nichts, so der Vorwurf.

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Etappensieg für den Vatikan 
Als die Anwälte der Opfer die Klage im vergangenen Jahr schliesslich zurückzogen, feierte der Vatikan dies als Beweis dafür, dass der Papst für sexuellen Missbrauch durch Geistliche seiner Kirche nicht haftbar gemacht werden könne. Doch die Angst bleibt.

„Einige dieser Verrückten“

Weitere Klagen will auch der Vatikan nicht ausschliessen. Vor allem für den Fall, dass Ratzinger den Vatikan verlässt und sich damit strafrechtlich angreifbarer macht. „Einige dieser Verrückten“ könnten dann Morgenluft wittern, zitiert „Reuters“ eine anonyme Vatikan-Quelle. Es sei schliesslich nicht unüblich, dass ehemalige Staatsoberhäupter vom Ausland strafrechtlich verfolgt würden, wegen Delikten, die sich in ihrer Amtszeit ereignet hätten.

Vatikanstaat: Gefangen auf 0,44 Quadratkilometern.

Vatikanstaat: Gefangen auf 0,44 Quadratkilometern.

Missbrauchsopfer lassen nicht locker

Forderungen nach einer Festnahme Benedikts XVI. gab es wegen der Missbrauchsfälle beispielsweise vor drei Jahren bei einer Grossbritannien-Reise des Papstes. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof gab es 2011 Klagen von Missbrauchsopfern, die damals allerdings ohne Begründung abgewiesen wurden – womöglich, weil Ratzinger damals noch als Staatsoberhaupt galt und Immunität genoss.

Frage der Immunität 

Die Frage nach der diplomatischen Immunität stellt sich im Vatikan erstmals seit 600 Jahren. Seither sind Päpste stets im Amt gestorben. Sie genossen bis zum Lebensende die Immunität eines Staatsoberhaupts vor strafrechtlicher Verfolgung. Bei Ratzinger wird das nach seinem Rücktritt anders sein. Er ist am Leben, verliert aber seine Immunität, sobald er den Vatikan oder Italien verlässt.

Deal mit Mussolini

Dass er sich dort überhaupt sicher fühlen kann, liegt an den sogenannten Lateranverträgen von 1929. Darin sicherte Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini dem Vatikan die Souveränität zu. Aus der „Vatikanstadt“ wurde der „Vatikanstaat“ und aus dem Papst ein souveränes Staatsoberhaupt.

Souveränität für den Kirchenstaat: Benito Mussolini.

Souveränität für den Kirchenstaat: Benito Mussolini.

Kampf um juristische Deutungshoheit
Spätestens seit dem Ausbruch des Missbrauchsskandals beschäftigt die diplomatische Immunität die Juristen im Vatikan und anderswo, zum Beispiel in den USA. Angesichts der hartnäckigen Klagen einiger amerikanischer Missbrauchsopfer fragte die „faz“ 2010 mit Blick auf Benedikt XVI.: „Schützt ihn die Staatenimmunität auch in Amerika?“

Oberstes Gericht verweigert Schutz

Bislang galt das oberste US-Gericht, der Supreme Court, eher als vatikanfreundlich. Doch als der Vatikan 2010 vor das Gericht zog, um Schadensersatzklagen höchstrichterlich stoppen zu lassen, liess ihn der Supreme Court abblitzen.

Grundsatzfrage weiter offen
Die obersten US-Richter weigerten sich, eine Berufung des Vatikans in einem Missbrauchsfall anzuhören. Damit bestätigten sie indirekt das Urteil eines Bundesgerichts, das die Immunität des Papstes in dem Verfahren aufgehoben hatte. Die grundsätzliche Frage der päpstlichen Immunität entschieden die Richter damit allerdings nicht. Dies war ihnen offenbar zu heikel.

Arbeitsrecht als Argument
Der Vatikan pocht in der Debatte nicht nur auf die Immunität des Papstes. Er versucht sich regelmässig auch mit einem arbeitsrechtlichen Argument aus der Affäre zu ziehen: Die pädophilen katholischen Priester seien schliesslich keine Angestellten des Vatikans sondern solche der Diözesen vor Ort, ergo treffe den Vatikan keine Verantwortung.

Ein „Sorry“ aus Rom
Aus Rom heisst es schliesslich noch, der Papst habe sich für die Missbrauchsfälle entschuldigt. Und er habe eine Untersuchung innerhalb der Kirche dazu angeordnet. Obwohl der Papst dafür, wie seine Juristen im gleichen Atemzug versichern, zumindest strafrechtlich gar keine Verantwortung trage.

Gerüchteküche brodelt
In dieser Gemengelage aus Vorwürfen, Schadenfreude über Ratzingers Rückzug und vatikan-internen Machtkämpfen um die Nachfolge brodelt derweil die Gerüchteküche. Ein selbst ernanntes „Tribunal für Verbrechen für Kirche und Staat“ behauptet, Ratzinger sei zurückgetreten, um seiner Verhaftung durch einen ungenannten „europäischen Staat“ zu entgehen. Vorwurf: „Verbrechen gegen die Menschheit und Anstiftung zu einer kriminellen Verschwörung.“

Gerücht: Papst-Verhaftung geplant.

Gerücht: Papst-Verhaftung geplant.

Top-Gerücht 1: Rücktritt aus Angst vor Verhaftung
Der Vatikan sei darüber am 3. Februar durch eine diplomatische Note informiert worden. Der Haftbefehl habe am 15. Februar übergeben werden sollen. Die Verhaftung wäre erfolgt, sobald der Papst den Vatikan verlassen hätte. Benedikt trat vorher zurück.

Bitte um Schutz
Inzwischen habe der Papst auch schon beim italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano um Schutz gebeten. Denn das „Tribunal“ wolle zusammen mit dem „europäischen Staat“ auch noch nach dem Papst-Rücktritt die Verhaftung Ratzingers erreichen. An Ostern werde zudem ein Pfändungsbescheid für die kirchlichen Güter ergehen, heisst es.

Top-Gerücht 2: Papst stolpert über geheimes Schwulennetzwerk
Die italienische Zeitung „La Repubblica“ vermutet hinter dem Papst-Rücktritt einen anderen Grund: Nicht die Angst vor Konsequenzen der Missbrauchs-Skandale oder der Geldwäsche-Affären der Vatikan-Bank sei ausschlaggebend gewesen sondern ein immer einflussreicheres „geheimes Schwulennetzwerk“ unter den Kardinälen.

Angst vor Erpressung
Die Zeitung beruft sich auf den 300 Seiten starken Geheimbericht zur sogenannten Vatileaks-Affäre, den drei Kardinäle dem Papst am 17. Dezember übergeben haben sollen. Die drei hätten darin das Schwulen-Netzwerk aufgedeckt. Es habe  in Rom und im Vatikan unter anderem Sex-Treffen organisiert, auch mit Kurienmitgliedern. Hochstehende Vatikan-Repräsentanten hätten sich durch ihre Homosexualität erpressbar gemacht.

Kritik an italienischer Presse: GLAAD.

Kritik an italienischer Presse: GLAAD.

Steilvorlage für Homophobe

Die US-amerikanische Schwulen- und Lesbenorganisation GLAAD kritisiert die italienische Presse unterdessen für das Aufbauschen dieser Gerüchte. GLAAD-Religionsexperte Ross Murray sagt, letztlich würden solche Storys wahrscheinlich von homophoben Gruppen genutzt, um Schwule für die Machtkämpfe im Vatikan verantwortlich zu machen.

„Kein Skandal, historische Realität“
„Schwule in der katholischen Kirche, das ist kein Skandal“, so Murray, „es ist historischer Fakt.“ Genau wie verschiedene Fraktionen und Machtkämpfe. Das habe aber nichts mit einer „schwulen Mafia“ zu tun, die den Vatikan angeblich unterwandert habe.

Vatikan: „Kein Kommentar“
Der Vatikan selbst äussert sich zu alle diesen Spekulationen nicht. Es gebe dazu „weder Dementis noch Kommentare noch Bestätigungen“, teilt Vatikansprecher Federico Lombardi mit. Offiziell tritt Benedikt zurück, weil er sich dem Amt aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr gewachsen fühlt.

Klatsch und Gerüchte
Beobachter in Italien erwarten, dass es mindestens bis zu Ratzinger letztem Tag im Amt weitere Spekulationen gibt. Die Zeit vor der Wahl eines neuen Papstes wird in der italienischen Presse traditionell zur Verbreitung von Klatsch und Gerüchten genutzt. Der Frage nach der Immunität eines lebenden Ex-Papstes Joseph Ratzinger werden sich die Anwälte der Missbrauchsopfer unterdessen ab Freitag mit verstärkter Aufmerksamkeit widmen. (wfr)

[bilder: wikipedia, wikipedia, wikipedia, Legirons, glaad]


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24.02.2013, 09:54 uhr / 0 Kommentare / diskutiere darüber im forum

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