besorgter leserbriefschreiber: schwule machtergreifung befürchtet.

besorgter leserbriefschreiber: schwule machtergreifung befürchtet.

vaduz. – schwul oder lesbisch zu sein, ist in liechtenstein nicht so richtig populär. verstecken statt outen ist für viele nach wie vor die regel. daran könnten die beiden offen schwulen kandidaten für die landtagswahl am sonntag, 8. februar 2009, womöglich etwas ändern – oder zumindest ein anderes bewusstsein schaffen: daniel f. seger von der regierenden konservativen fortschrittlichen bürgerpartei (fbp) und patrick risch, der für die grün-liberale freie liste (fl) kandidiert, setzen sich beide für die einführung einer eingetragenen partnerschaft für schwule und lesben ein. bislang ist das thema im wahlkampf kaum thematisiert worden. ein homophober leserbrief, der in dieser woche in den landeszeitungen veröffentlicht wurde, hat die beiden jetzt allerdings aus der reserve gelockt.

Unter der überschrift „Drückt der Schuh oder das schlechte Gewissen?“, stellt ein herr meier aus dem liechtensteinischen schaanwald fest, nun sei also auch „die grosse Bürgerpartei“, die fbp, „dem Druck der Schwulen in Liechtenstein erlegen und will, wie die kleine Freie Liste, eine gesetzliche Anerkennung, ja sogar eine Vergünstigung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft vorantreiben.“

Beide Parteien hätten „offensichtlich nicht gemerkt, dass eine Minderheit die gegenwärtige Situation, in der eine Mehrheit im Land päpstlicher als der Papst sein will, für sich ausnützen will.“ da jedenfalls, so der tenor, „drücke nicht der schuh“ und damit lasse sich auch nicht die „Volkswohlfahrt gemäss Verfassung sichern und fördern“, da schliesslich keiner erklärt habe, wie das die „familie“ fördere.

„Sollen nur Wenige Vorteile ohne Auswirkung auf die gesamte Einwohnerschaft durch den Staat haben?“, fragt herr meier und antwortet sich selbst: „Die Anerkennung von Homosexuellen durch das Gesetz ist nicht erforderlich.“ Schliesslich habe sich auch der regierende berliner bürgermeister klaus wowereit ohne „speziell behütendes Gesetz“ outen können und geniesse „höchstes Ansehen“.

kandidat der fl: patrick risch.

kandidat der fl: patrick risch.

patrick rischs antwort
patrick risch antwortete dem besorgten mitbürger tags darauf so: „Lieber Herr Meier, wo drückt Sie der Schuh? ‚Ich bin schwul, und das ist gut so.‘ eine Aussage die um die Welt ging. Dank mutigen Männern und Frauen, die sich zu ihrer Sexualität stehen und standen, leben Schwule und Lesben nicht mehr in Angst und Unterdrückung. Vielleicht ist Ihnen entgangen, dass Deutschland schon seit einigen Jahren ein Gesetz kennt, welchen gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt ihre Beziehung auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen. Übrigens gibt es auch so eine Regelung in der Schweiz, Spanien (sehr katholisch) und weitere 15 Länder der EU. In Dänemark wurde ein entsprechendes Gesetz schon von vor 20 Jahren eingeführt!

In Ihrem Leserbrief, erwähnen Sie eine gewünschte gesetzliche Vergünstigung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Nirgends wird eine Vergünstigung gefordert, sondern einfach eine gesetzliche Gleichstellung mit heterosexuellen Paaren. Sie fragen, was eine registrierte Partnerschaft  der Wohlfahrt des Landes bringt. Mit der Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird Homosexualität, die immer noch stark stigmatisiert und tabuisiert ist, die allgemeine seelische und körperliche Gesundheit von knapp zehn prozent der liechtensteinischen Bevölkerung gefördert. Ohne dafür Unmengen von Geld ausgeben zu müssen. Wussten Sie, dass etwas mehr als ein Drittel der Schwulen und Lesben schon Pläne für Selbstmord gemacht und jede(r) Zehnte hat es schon versucht hat? Siebzig Prozent mussten verbale oder tätliche Gewalt erdulden, nur weil sie homosexuell sind.

‚Eine Anerkennung der Homosexualität ist nicht nötig‘, schreiben Sie. Falls Sie einen Schwulen oder eine Lesbe kennen, sprechen Sie mit ihm/ihr offen über ihr Leben. Mit einer registrierten Partnerschaft sollen nicht Homosexuelle anerkannt werden, sondern der Wille von zwei Menschen zusammen Freud und Leid teilen zu wollen.“

kandidat der fbp: daniel f. seger.

kandidat der fbp: daniel f. seger.

daniel f. segers antwort
daniel f. seger schrieb: „Ein Partnerschaftsgesetz kostet nichts, bringt jedoch viel. Sehr geehrter Herr Meier, laut repräsentativer Statistiken verliebt sich ein Teil von fünf bis zehn prozent der Bevölkerung nicht ins andere, sondern ins eigene Geschlecht und gilt somit als homosexuell. In Bezug auf die liechtensteinische Bevölkerung entspricht dies zwischen 1750 und 3500 Personen, die in unserem kleinen Land leben und gleichgeschlechtlich lieben beziehungsweise fühlen.

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde die Motion zur Schaffung eines Gesetzes über die gleichgeschlechtliche Partnerschaft klar vom Landtag angenommen. Damals wurde bereits auf der ersten Seite des ‚Volksblatts‘ getitelt: ‚Die Zeit ist reif.‘ So war es dann auch nur mehr als verständlich, diesen Punkt ins Parteiprogramm aufzunehmen, denn bisher gibt es für gleichgeschlechtlich fühlende Menschen keine Möglichkeit, sich gegenseitig abzusichern beziehungsweise mit dem ausländischen Partner in Liechtenstein legal zusammenzuleben.

Der Wunsch der gleichgeschlechtlich fühlenden Menschen in Liechtenstein fordert keine Vergünstigungen, sondern lediglich Akzeptanz, Toleranz und rechtliche Absicherung. Dass dies bisher nicht der Fall ist, wurde durch die Studie, welche im Jahr der Chancengleichheit durchgeführt wurde, mehr als nur klar. Noch immer haben Menschen in Liechtenstein Angst, offen zu ihren gleichgeschlechtlichen Gefühlen zu stehen. Gerade pubertierende Mädchen und Jungen fühlen sich oft alleine und unverstanden, was nicht selten zu psychischen Problemen führt.

In Liechtenstein gibt es bisher keine beziehungsweise nur wenige öffentliche beziehungsweise bekannte Personen wie Klaus Wowereit, die offen zu ihrer Homosexualität stehen und somit eine Vorbildfunktion übernehmen.

Mit der Schaffung eines Partnerschaftsgesetzes zeigt das Land Liechtenstein, dass auch kleine Gruppen
ernst genommen werden und ihre Anliegen auf offene Ohren stossen. Darum ist es so wichtig, dass Liechtenstein für gleichgeschlechtlich fühlende Menschen ein Partnerschaftsgesetz schafft, welches das Land nichts kostet, jedoch viel bringt.“

zwei kandidaten, zwei parteien
die freie liste ist die kleinste partei in liechtenstein. sie gilt als grünliberal. die fpb, derzeit die partei mit den meisten stimmen im landtag, gilt als konservativ und stellt mit otmar hasler derzeit den regierungschef. zweitgrösste partei in liechtenstein ist die vaterländische union (vu). sie regiert in einer grossen koalition zusammen mit der fbp. (wfr)


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29.01.2009, 00:26 uhr / 0 Kommentare / diskutiere darüber im forum

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